Deutschsprachige Soziologen vor Spaltung

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Deutsch­sprachige Soziologen vor Spaltung

Birger Antholz

71 «Manchmal braucht es einen Martin Luther», tönt ETH Zürich Professor Andreas Diekmann bei der Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Nach Kongressen in Wien (1926), Zürich (1928 und 1988) und andernorts könnte der Soziologie-Kongress in Göttingen Ende September 2018 der letzte gemeinsame deutschsprachige gewesen sein. Grund: Es droht eine Spaltung durch eine 2017 gegründete Parallelgesellschaft, durch die Akademie für Soziologie. Den Gründungsaufruf haben rund 100 Lehrstuhlinhaber unterschrieben, d. h. rund ein Drittel der über 300 Soziologieprofessuren in Deutschland. Die Akademie-Mitglieder verstehen sich als empirisch-analytisch denkend und werfen der DGS-Gesellschaft qualitative Theorielastigkeit vor. Es stehen sich also auf der einen Seite die standardisiert arbeitenden, anwendungsorientierten Soziologen und auf der anderen Seite die sophisticated denkenden, epistemologischen Soziologen gegenüber. Europäisch ist die Spaltung längst vollzogen. 1992 fand der erste Kongress der European Sociological Association ESA statt, und seit 2000 gibt es Konkurrenz durch die European Academy of Sociology EAS. Auch in der EAS übernimmt Andreas Diekmann führende Positionen.

Überdies bekommt man als Norddeutscher den Eindruck, dass der Soziologenaufstand von Süddeutschland ausgeht. Neuer Akademie-Vorsitzender ist Thomas Hinz von der Universität Konstanz gleich neben der schweizerischen Grenze und auch weitere Akademie-Verfechter sind aus dem Süden: der Österreicher Josef Brüderl, Tobias Wolbring (Nürnberg), Katrin Auspurg (München) und die ganze Mitarbeiterschaar um GESIS Mannheim (Präsident Christof Wolf). Bewahrheitet sich hier Max Webers protestantische Ethik-Idee, dass der calvinistisch-pietistische Evangelismus der Antriebsmotor effizienter Innovation im Kapitalismus/Wissenschaftsbetrieb ist?

Was bedeutet eine Spaltung deutschsprachiger Soziologen für die (Schweizer) Kriminologie? Nicht besonders viel …

Was bedeutet eine Spaltung deutschsprachiger Soziologen für die (Schweizer) Kriminologie? Nicht besonders viel, denn auf dem Soziologentag in Göttingen spielen Vorträge über abweichendes Verhalten oder Kriminalität keine Rolle. Es gibt eine Sitzung zur Sicherheits- 72 produktion. In der deutschsprachigen Kriminologie / europäischen Kriminologie gibt es seit einigen Jahren eine kleine Gruppe quantitativer Kriminologen um den Österreicher Heinz Leitgöb. Aber es gibt bei den Kriminologen keine Notwendigkeit einer Akademie oder Teilung, denn in der großen Mehrheit arbeiten diese anwendungsorientiert. Dabei berücksichtigen selbst Juristen die Zahlen. Für die deutschsprachigen Kriminologen oder die europäischen Kriminologen ist eine Spaltung in Praktiker und Theoretiker keine Gefahr. Momentan muss man sich auch als Soziologe noch nicht entscheiden. Doppelmitgliedschaften, momentan sogar gekoppelt mit Ämtern, sind noch möglich.

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