Umwelt – Mitwelt – Mitmenschen – Ummenschen

Urs ThalmannUmwelt – Mitwelt – Mitmenschen – UmmenschenLContraLegem201921225

Umwelt – Mitwelt – Mitmenschen – Ummenschen

Urs Thalmann

Wer ist «Wir» und wer gehört zu «Uns»?

Richtig! Im Titel ist kein Schreibfehler: Es steht absichtlich Um-menschen und nicht etwa Un-menschen.

1979

Nachdem wir im Gymnasium ein paar Jahre nebeneinander sassen, machten Christian Schwarzenegger und ich vor 40 Jahren die Matura. Wir kamen bis auf Kleinigkeiten (je nach subjektiver Einschätzung) gut klar. Christian schätzte es jedenfalls nicht, wenn ich gelangweilt seinen makellos weissen Radiergummi mit einem Blei- oder Farbstift gedankenlos aufspiesste. (Solche verunstalteten Gummis finde ich auch überaus abstossend!) Auch meine häufige Mitbenutzung seiner Schreibutensilien in den akkurat sortierten Caran d’Ache oder Faber Castell Blechschachteln machte ihn eher unglücklich. Nicht dass ich kein dickes und volles Etui gehabt hätte, aber es war sehr schlecht sortiert. Drei grüne Kugelschreiber, aber kein roter zum Beispiel. So etwas ist ihm, wie ich glaube, nie passiert–NIE! Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, dass ihm mein Etui jemals aus einer solchen Patsche helfen konnte. Wir unternahmen auch neben der Schule einiges zusammen und unterhielten uns oder diskutierten über Gott, die Welt und allerlei andere bedeutende und unbedeutende Themen. Keine Angst, lieber Christian, das wird keine Homestory. Liebe Leser, ich muss sie enttäuschen: Das wird keine Homestory.

In den 1970er Jahren wurde die Umwelt so richtig massiv zum Thema, neben dem Ost-Westkonflikt beziehungsweise Kalten Krieg, anderen politisch-ideologischen Auseinandersetzungen, wirtschaftlicher Rezession, Vietnamkrieg, Terrorismus durch die Rote Armee Fraktion in Deutschland, die Roten Brigaden in Italien, die Irisch Republikanische Armee, palästinensische Organisationen und anderem mehr. Die vom Club of Rome in Auftrag gegebene Studie «Die Grenzen des Wachstums» war 1972 erschienen, der amerikanische Präsident Jimmy Carter gab 1977 die Studie «Global 2000» in Auftrag, in der ARD wurde Sterns Stunde ausgestrahlt, die offenbar in der Bundesrepublik Deutschland jedes Mal für einen landesweiten Aufschrei sorgte. Ich habe diese Sendung zwar nie gesehen, aber davon gehört. Offenbar präsentierte Horst Stern Themen, wie zum Beispiel die Massenhaltung von Legehennen, über die viele Menschen lieber nicht so viel sehen und wissen wollten. Dabei vergass er nicht darauf hinzuweisen: Wenn so viele Menschen so viele Eier essen wollten, ginge es wohl nicht anders. Ökologie – den Begriff hat der bedeutende deutsche Biologe Ernst Haeckel 1866 definiert–wurde allgemein zu einem wichtigen Thema. Biologielehrer betonten es speziell, dass sie mit 13 dem Thema am Puls der Zeit seien. Und nicht zu vergessen: 1979 gab es in den USA im Atomkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg eine Teilkernschmelze, die weltweit für Aufsehen sorgte. Die Schweiz hatte da bereits die Teilkernschmelze im Versuchsreaktor in Lucens (Kanton Waadt) hinter sich. Die Verheissung, das Energieproblem mittels Atomkraft für immer nahezu gefahrlos zu lösen, wurde in den 1970er Jahren so demonstrativ in Frage gestellt, dass in der Schweiz das Atomkraftwerk Kaiseraugst nie gebaut wurde. In Deutschland ging aus einem Sammelsurium von Bewegungen der 1970er Jahre die Partei der Grünen hervor. Um die Umwelt im weiteren Sinne soll es in diesem Artikel gehen, denn:

Ich erinnere mich gut daran, wie mir Christian einmal beim Verlassen der Schule sagte, ihm käme die Menschheit mit dieser Bevölkerungsexplosion wie ein Krebsgeschwür der Erde vor. Das eine oder andere Jahr später äusserte er einmal ein eher begrenztes Verständnis dafür, dass so viel für bedrohte Tiere gemacht werde, obwohl es noch so vielen Menschen so elend gehe. Es müsste doch zuerst für die Menschen etwas gemacht werden und dann könne man sich immer noch um die Tiere kümmern.

Heute mag das als Widerspruch erscheinen, damals war es nicht notwendigerweise einer; nicht in der damaligen Zeit, nicht in unserem Alter und nicht mit unseren doch limitierten Kenntnissen – Matura und Allgemeinbildung hin oder her.

Christian studierte Rechtswissenschaften, ich wurde Biologe mit Vertiefung in Anthropologie und Paläontologie. Konkret Rechtswissenschaftliches zu seinem Jubelbuch kann ich nicht beitragen, versuche aber allgemein in der Nähe des Rechts zu bleiben und etwas Lesbares und vielleicht Bereicherndes aus der Sicht eines biologischen Anthropologen beizutragen. Damit es für alle verständlich bleibt verzichte ich auf Fachjargon. Der Beitrag ist deshalb länger als geplant und hat sich auch noch aufgetürmt.

Umwelt

Es steht nicht zum Besten um die Umwelt, die Welt um mich und um die Menschen. Die Themen sind hinlänglich bekannt, wenngleich viele Ungenauigkeiten kursieren. Viele Medien generieren, füttern und pflegen sie gleich selbst mit ihrer Vorliebe für Hypes. Ein Kristallisationspunkt: Greta und der Klimawandel (aber nicht etwa der Klimawandel und Greta). Ich möchte sie nicht zu ausgiebig langweilen, werde aber nicht um ein paar Worte zum Klimawandel (nicht zu Greta!) und Wald(bränden) kommen.

1982 las ich den ersten Überblicksartikel zu einem möglichen Klimawandel in der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft, dem Magazin für Naturwissenschaft und Technik. Im Wesentlichen ist es eine Übersetzung des Scientific American. Darin werden Themen von renommierten Fachleuten abgehandelt und redaktionell für ein breites Publikum (sic) verständlich dargestellt. Der Artikel Carbon Dioxide and World Climate beleuchtete die möglichen Auswirkungen des Anstiegs der CO2-Konzentration. In der Kurzfassung unter dem Titel stand: [..] the effects may not all be bad. (Heute würde vielleicht stehen: Der Klimawandel bietet auch Chancen.) Es gab noch keine ausgeklügelten Szenarien, Klimamodelle und -simulationen. Die wichtigen Themen waren ähnlich wie heute: Meeresspiegel, Migration, Böden und Landwirtschaft. Bereits fast 100 Jahre vor diesem Artikel hatten der schwedische Chemiker Svante Arrhenius und der amerikanische Geologe Thomas C. Chamberlin darauf hingewiesen, dass der von ihnen vermutete CO2 Anstieg zu einer höheren Temperatur auf der Erde führen könne. Eine Weile lang wurde eine Kausalbeziehung zwischen menschlichen Aktivitäten, insbesondere dem Verbrennen von fossilen Brennstoffen und dem CO2 Anstieg noch in Frage gestellt, zumal die Messkurve noch relativ kurz war. Mittlerweile ist die sogenannte Keeling-Kurve so lang und das Thema so ausgiebig untersucht, dass vernünftige Menschen eigentlich nicht mehr an einem kausalen Zusammenhang 14 zweifeln sollten. Das heisst nicht, dass es solche Menschen nicht mehr gibt, denn es ist im Prinzip ja immer noch eine Korrelation. Die Vorhersagen der Klimamodelle und -simulationen passen aber so gut, dass ich es allemal als Kausalzusammenhang akzeptiere.

Grosse Hoffnungen wurden in die UNO Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 gesteckt. Der Begriff Nachhaltigkeit (sustainability, durabilité) wurde zwar nicht erfunden, fand aber plötzlich unglaubliche Verbreitung – bis heute inflationäre Verbreitung. Kürzlich hat mich Marcel Niggli gefragt, was das überhaupt heisse.

Als ich anfangs der 1980er Jahre noch Forstwirtschaft studierte, war dieser Begriff für mich sozusagen mein tägliches Brot. Er stammte aus der Forstwirtschaft, und zwar aus dem Jahr 1713. Er beschreibt in etwa, dass dem Wald nicht mehr Bäume/Holz entnommen werden sollte, als nachwächst. In der Schweiz nahm der Wald bis ins 19. Jahrhundert dermassen ab und Überschwemmungen und Lawinen zu, dass, nachdem der Zusammenhang mit der Entwaldung erkannt war, in der Bundesverfassung von 1848 eine Basis für eine nationale Waldgesetzgebung geschaffen wurde, die der Entwaldung entgegenwirken sollte. Diese Gesetzgebung war sehr streng. Forstwirtschaft war ein so wichtiges Thema, dass sie ihren Platz 1855 an der der neu gegründeten ETH fand.

Ein erweiterter Begriff der Nachhaltigkeit wurde im sogenannten Brundtland-Bericht von 1987 definiert (Gro Harlem Brundtland *1939, norwegische Ministerpräsidentin 1981, 1986-89, 1990-96): Nachhaltige Entwicklung ist «eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können»; ein Konzept. Das scheint heute gemeint zu sein, wenn Menschen den Begriff verwenden – wenn sie denn überhaupt wissen, was sie genau meinen.

Mitwelt

Der Klimawandel zeigt, dass der Begriff Mitwelt möglicherweise angebrachter wäre als Umwelt, denn der Wandel findet definitiv nicht um die Welt von Menschen statt. Die Menschen sind mitten drin. Der Begriff Mitwelt fand in den 1990er Jahren eine gewisse Verbreitung, litt aber etwas unter «esoterisch-holistisch-religiösen» Konnotationen. Ich verwendete ihn deshalb nur kurz. Mitwelt in einem wissenschaftlichen Forschungsantrag? Das ging einfach nicht. (Ich hätte wahrscheinlich zuerst ein Projekt machen müssen, um die Begriffe Umwelt und Mitwelt zu untersuchen, abzugrenzen, und überhaupt...)

Immerhin steht auf der Webseite des Dept. Bildung, Kultur und Sport des Kantons Aargau im Lehrplan der Volksschule unter Realien: [...] vermittelt Kenntnisse über die Beziehung des Menschen zu Gesellschaft und Mitwelt. Im Lehrplan 21 für die Volksschule im Kanton Zürich heisst das entsprechende Fach Natur, Mensch, Gesellschaft.

Der Begriff Mitwelt scheint nicht oder nicht mehr so beliebt zu sein, dafür scheint der Begriff Mit-menschen eine gewisse Konjunktur zu haben. Also:

Mitmenschen

Der britische Psychologe Robin I.M. Dunbar hat die nach ihm benannte Dunbar-Zahl 1993 in seiner Arbeit Coevolution of neocortical size, group size and language in humans anhand des Zusammenhangs des Volumens des Neocortex (Grosshirnrinde) und der Gruppengrösse bei 36 nichtmenschlichen Primatengattungen ermittelt (Behavioral and Brain Sciences 16: 681-735, 1993). Aus diesem Zusammenhang hat er für Homo sapiens eine ursprüngliche Gruppengrösse von ungefähr 150 errechnet (Bereich ca. 100 bis 230 Gruppemitglieder). Bei dieser Gruppengrösse können dauerhafte und persönliche soziale Beziehungen zwischen den Gruppenmitgliedern aufrecht erhalten werden ohne andere Anforderungen zu sehr zu vernachlässigen; schliesslich muss unter anderem auch noch Nahrung besorgt werden. Was bei nicht- 15 menschlichen Primaten durch soziale gegenseitige Fellpflege (grooming) erreicht wird, so Dunbar weiter, konnte beim modernen Menschen nicht mehr erreicht werden, weil schlicht und ergriffen die Zeit gefehlt hätte. Als effizientere Lösung, so seine These, entwickelte sich die Sprache.

Zweifellos ist Sprache ein sehr wichtiger Aspekt des Rechts, aber Menschen scheinen mir noch wichtiger: Ohne Menschen kein Recht. Und ohne viele Menschen erst recht kein Recht. In seinem Bestseller «Der nackte Affe» (dt. 1968) schätzte Desmond Morris die Anzahl Menschen, mit denen ein Individuum dauerhafte und engere Beziehungen aufrecht erhält auf ungefähr 100. Da es kein einzelnes Gen für «Gruppengrösse» gibt und auch nicht geben kann, ist die einzige Möglichkeit diese Hypothesen halbwegs zu prüfen, die Zahlen mit lebenden Gruppen von Jägern und Sammlern zu vergleichen. Dunbar gibt für 9 solche Gruppen eine Durchschnittsgrösse von rund 150 an (53 bis 250). In seinem Übersichtsartikel Hunter-Gatherers and Human Evolution aus dem Jahr 2005 gibt der Anthropologe Frank. W. Marlowe für 294 solche Gruppen eine Grösse von durchschnittlich 47 und einen Bereich von 13 bis 275 an (Evolutionary Anthropology 14: 54-67, 2005). Eine Schwierigkeit bei der Bestimmung der Gruppengrössen liegt darin, dass es nicht ganz klar ist, welche Forscher den Begriff Gruppe wie verwenden, denn bei Jägern und Sammlern gibt es auch (temporäre) kleinere Untergruppen und gewissermassen Obergruppierungen zu denen sich Gruppen selbst dazuzählen. Dunbar benutzt für die Gruppen den Begriff Clan, für die Untergruppen Band und die Obergruppen Tribe, letzteres in etwa mit Stamm zu übersetzen. Marlowe benutzt den Begriff Local group und gibt die Grössen des Gebiets solcher Gruppen an. Die Durchschnittsgrösse solcher Gebiete für 259 Gruppen entspricht mit 1’590 km2 ungefähr dem Kanton Fribourg (1’670 km2). Die Hälfte der Gebiete ist grösser als 430 km2 (Median) die andere Hälfte kleiner. Der Kanton Baselland ist beispielsweise 428 km2 gross.

Marlowe gibt keine Zahlen für eine Obergruppe wie Tribe oder Stamm, sondern die Grösse von Ethno-linguistic Populations (ELP) und Aeras (ELA), was oft mit Stamm und Stammesgebiet gleichgesetzt wird. Es bedeutet im Wesentlichen die Anzahl Menschen, die die gleiche Sprache oder mindestens den gleichen Dialekt sprechen und die Verbreitung dieser gemeinsamen Sprache. Die Mittelwerte (Durchschnitt und Median) sind frappant niedrig: Die ELP (‘Sprache’) ist für 396 Populationen im Durchschnitt 1’750 Individuen stark (Median 895) und die Gebietsgrösse ELA für 340 Gebiete durchschnittlich 37’845 km2 (Median 9’050 km2).

Gruppenmitglieder sind einander durch mannigfaltige wechselseitige (reziproke) Beziehungen verbunden, gewissermassen Schulden und Guthaben: «Du hast damals dies oder das für mich gemacht, und dafür mache ich (irgendwann) auch etwas für Dich». Sie kennen das von sich selber. Der Ethnologe David Graeber gibt in seinem bekannten Buch Schulden: die ersten 5’000 Jahre (Klett-Cotta, 2012) an, dass sich in Jäger und Sammler Populationen oder segmentären Gesellschaften Individuen bis zu 500 solche Schuld/Guthaben Verhältnisse merken oder abrufen können, wenn es nötig ist oder sie einem Gruppenmitglied begegnen. Auch das kennen Sie. Der Begriff segmentäre Gesellschaften stammt vom Soziologen Emile Durkheim und bezeichnet Assoziationen aus gleichartigen Segmenten (Clans) und schliesst so auch sesshafte ursprüngliche Gruppierungen mit ein. Die (reziproken) Beziehungen mögen informell erscheinen, sind aber deshalb keineswegs weniger verpflichtend, und auf dem Spiel steht mindestens die Reputation. Für mich als juristischen Laien sind das «Vertragsverhältnisse». Auch der Austausch von Geschenken gehört in diese Kategorie: Es gibt keine Geschenke! Geschenke dienen der Festigung von Beziehungen und der Verpflichtung des Beschenkten – und der eigenen Reputation. Ihre Bedeutung geht weit über ihren ökonomischen Wert hinaus, wie Marcel Mauss (übrigens ein Neffe von Emile Durkheim) in seinem Essai sur 16 le don (1923/1924) darlegt; ein Standardwerk der Ethnologie und Soziologie.

Die sogenannte Hominisation oder Menschwerdung, die Evolution der Gattung Homo, begann vor etwa 2.5 Millionen Jahren. Bis vor etwa 12’000 Jahren lebten Menschen in relativ kleinen Gruppen und erst mit dem Übergang zur Sesshaftigkeit entwickelten sich etwas grössere Verbände, die aber nach wie vor klein waren, immer noch auf Abstammung und Verwandtschaft basierten. Die Sesshaftigkeit ergab sich aus der aufkommenden Agrikultur bzw. Gartenbauformen. Würde man die Hominisation auf eine 24 Stunden Uhr projizieren, hätte der Übergang zur Sesshaftigkeit um etwa 23:53 begonnen; nur auf Homo sapiens bezogen (seit ca. 300’000 Jahren belegt) um kurz nach 23:00 Uhr. Um sich das Menschengedränge zu jener Zeit etwas zu vergegenwärtigen: Die Bevölkerungsdichte des eigentlichen Stadtgebietes der Megacity Tokyo beträgt 15’483 Einwohner/km2 und ist damit rund 62’000 mal grösser als die durchschnittliche Dichte, die Marlowe für Jäger und Sammler angibt (0.25 Einw./km2).

Der Übergang zu Sesshaftigkeit und produzierenden Wirtschaftsformen wird meist als Neolithische Revolution bezeichnet. Durchaus als von Menschen gemachter Übergang zur Landwirtschaft ist der Begriff ursprünglich stark positiv und fortschrittlich konnotiert. Aus verschiedenen Gründen folgen manche dieser Fortschrittsbewertung nicht vorbehaltlos. (In der Schule lernte ich es noch als DER grosse Fortschritt der Menschheit kennen.) Aber dazu etwas weiter unten.

Homo sapiens hat 2.5 Millionen Jahre Evolution in den Knochen und im Rucksack in welchen Menschenformen der Gattung Homo in relativ kleinen Gruppen mit ihnen persönlich bekannten Mitgliedern lebten, zu denen sie ständig oder mindestens regelmässig Kontakt hatten, mit denen sie in irgendeiner Form kommunizierten und mit denen sie, wenn nicht von Anfang an so doch sehr früh, im Prozess der Hominisation, in wechselseitigen Verpflichtungen verbunden waren. Alle anderen waren Fremde und nicht nur das: Sie waren potentiell eine grosse Gefahr und damit auch Feinde. Die eigene Gruppe (bzw. Stamm) sah das so, und eine andere Gruppe (bzw. Stamm) sah das auch so. Begegneten sich Mitglieder zweier fremder Gruppen (bzw. Stämme) wurde es lebensgefährlich für beide, entgegen den idealisierten Vorstellungen von freundlichen und relativ gewaltfreien Gruppen, wie sie Ethnologen lange pflegten und manche Menschen immer noch pflegen. Und der Aufklärer Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) wünschte sich vielleicht den «Edlen Wilden», lag mit dieser Vorstellung aber voll daneben. Denn mittlerweile sieht das ganz anders aus:

Der Evolutionsbiologe Jared Diamond, der hauptsächlich in Papua Neuguinea in entlegenen Gebieten ornithologische Feldstudien betrieb, erzählt in seinem Buch Guns, Germs, and Steel–The Fate of Human Societies (Norton, 1997) anekdotisch, wie sich zwei einander offenbar persönlich unbekannte Männer lange unterhalten um herauszufinden, ob sie irgendwie verwandt sind. Wenn nicht wäre die Folge, dass der eine den anderen töten würde. Eine Gemeinsamkeit haben sie immerhin: Sie können miteinander sprechen. Es ist also möglich, dass sie einander verbunden sind. Was man auch herauslesen kann: Den anderen zu töten ist kein kruder Automatismus. Vielleicht haben beide im Hinterkopf, dass das zu weiterer gefährlicher Gewalt führt, zum Beispiel zu Blutrache oder endlosen Racheaktionen zwischen den beiden Gruppen. Was auch bedacht werden könnte: Wenn sie zum Entscheid kommen einander töten zu müssen, wer schlägt zuerst zu? In jedem Fall eine sehr heikle Situation. In einer weiteren Schilderung fasst er zusammen, wie eine typische Antwort einer Frau auf eine Frage einer Ethnologin lauten könnte: «Mein erster Mann wurde bei einem Überfall von Elopi Angreifern getötet. Mein zweiter Mann wurde von einem Mann getötet, der mich wollte und dann mein dritter Mann wurde. Dieser Mann wurde vom Bruder meines zweiten Mannes aus Rache getötet.»

17 Diese Anekdoten lassen sich auch empirisch hinterlegen. Robert S. Walker und Drew H. Baily haben für Ihren Artikel Body counts in lowland South American violence (Evolution and Human Behavior 34: 29-34, 2013) eine Analyse durchgeführt und geben für 10 traditionell lebende Societies (Jäger und Sammler bzw. segmentäre Gesellschaften) folgende Zahlen für durch Gewalt verursachte Todesfälle. Von allen Todesfällen (4215) waren 30.4 % (1281) Folge von Gewalt. Dabei entfielen von den Todesfällen als Folge von Gewalt, rund 69 % auf Männer, also mehr als doppelt so viele wie auf Frauen. Wenn Sie sich das bildlich vorstellen möchten: Sie sitzen an der Zürcher Bahnhofstrasse auf einer Bank und schauen sich die vorbeigehenden Frauen und Männer an: Jeder 5. vorbeigehende Mann wird erschlagen, aufgespiesst oder anderweitig gewaltsam umgebracht und jede 10. Frau. Wenn man denn schon einmal auf die Welt kommt, hat die Zivilisation doch substantielle Vorteile.

Die Kernaussage dieses Abschnitts kann kurz so zusammengefasst werden: In meiner 1. Natur, der Natürlichen Natur, wie sie der mittlerweile emeritierte und langjährige Direktor des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel in Das Tagebuch der Menschheit–Was die Bibel über unsere Evolution verrät (Rowohlt, 2016) bezeichnen, bin ich darauf vorbereitet in einer relativ kleinen mir vertrauten Gruppe von Menschen zu leben und mich sicher zu fühlen. Nicht dazugehörige Menschen sind eine Bedrohung. Meine Gruppe, so sehe ich es, sind meine echten Mitmenschen. Grosszügig angesetzt sind das sagen wir 500. Die anderen Menschen bezeichne ich für mich als Ummenschen; sie sind nicht mit mir sondern um mich herum. Sie sind aber nicht zwangsläufig gegen mich.

Auf die 2. Natur (Kulturelle Natur) und die 3. Natur (Vernunftnatur) komme ich noch zurück. In Tabelle 1 sind die drei Naturen vereinfacht zusammengestellt.

3 Naturen

Kurzbeschreibung

Ausdruck

1. Natur

Natürliche Natur

Angeborene Gefühle, Reaktionen, Vorlieben

unter anderem: Sinn für Fairness; Empörung über Ungerechtigkeit und Ungleichheit; Furcht vor Fremden; Sorge um die eigene Reputation; Gefühle der Verpflichtung; Eifersucht; Ekel

2. Natur

Kulturelle Natur

Sitten und Gebräuche; Religion als kulturelles Produkt; Regeln des Anstandes, der Höflichkeit, der guten Manieren

«Das tut man nicht»

«So macht man das hier!»

Grosse territoriale und ethnische Unterschiede

3. Natur

Vernunftnatur

kulturell verankerte Maximen, Praktiken, Institutionen, denen wir weitgehend bewusst und rational folgen

«Common Sense» zu folgen, sonst Schwierigkeiten; teilweise internalisiert (z.B. Schule)
-> Gewohnheit -> zur 2. Natur

Tabelle 1: Die drei Naturen der Menschen. Nach van Schaik und Michel (Das Tagebuch der Menschheit–Was die Bibel über unsere Evolution verrät, Rowohlt, 2016) 18

Ummenschen

Christian kam gemäss dem Bevölkerungsrechner der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung als 2’999’098’305. Mensch zur Weltbevölkerung dazu. Im Maturajahr war das «Krebsgeschwür» Menschheit schon 4’408’028’099 Menschen stark, rund 1.5 mal grösser. Zur Übergabe dieser Festschrift zu seinem Geburtstag ist die Zahl der Menschen mit 7’743’310’193 gut 2.5 mal grösser als am Tag seiner Geburt. Für diese Menschen sollte also zuerst für lebenswürdige Umstände gesorgt sein, mithin über 3.3 Milliarden Menschen, die seit der Matura hinzugekommen sind. Alles Christians Mitmenschen?

Sicher, ein edles Ziel und mir wäre es recht, wenn dies innert nützlicher Frist gelänge. Mit meiner Natürlichen Natur bin ich aber denkbar schlecht dafür ausgestattet, mich für ein solches Ziel einzusetzen. Es fehlen mir mindestens die kognitiven Fähigkeiten zur Aufrechterhaltung tragfähiger Beziehungen und das Potential, so vielen Menschen vertrauen zu können. Und unglücklicherweise bin ich auch noch darauf eingestellt den meisten zu Misstrauen und sie womöglich als Bedrohung zu empfinden.

Meine Mitmenschen sind nicht mehr in meiner unmittelbaren Umgebung, sondern wohnen teilweise an anderen Orten. Anderen Menschen geht es meist ebenso.

Ich wohne in einer Genossenschaftssiedlung mit rund 250 Bewohnern. Sie könnten von der Gruppengrösse alle meine Mitmenschen sein, sind sie aber nicht. Manche kenne ich nicht einmal vom Sehen, geschweige dem Namen nach und habe auch keinen blassen Schimmer wer sie sind: Ummenschen. In meinem Wohnquartier Escher-Wyss in der Stadt Zürich wohnen 6’066 Menschen. Ziehe ich 500 (potentielle) Mitmenschen ab sind rund 92 % Ummenschen, für den Kreis 5 sind es 97 %, die Stadt Zürich 99.9 %, den Kanton Zürich 99.97 %, die Schweiz 99.994 %, bezogen auf die EU 99.9999 %, auf den Planeten Erde 99.99999 % – was sich zwangslos auf 100 % Ummenschen aufrunden lässt. Mit anderen Worten habe ich auf dem Planeten Erde keine Mitmenschen sondern nur Ummenschen und für alle anderen Menschen zähle ich so betrachtet auch als Ummensch. Ich habe mit niemandem etwas zu tun und niemand hat mit mir etwas zu tun. Das stimmt natürlich nicht, denn alles hat mit allem etwas zu tun, manchmal allerdings nur sehr, sehr wenig. Worauf ich hinaus will: Ich finde es etwas viel von mir verlangt, alle Menschen als Mitmenschen zu betrachten. Das heisst noch lange nicht, dass ich Ummenschen deshalb Schaden zufügen oder sie ausbeuten muss.

Die Natürliche Natur manifestiert sich gemäss Van Schaik und Michel unter anderem in einem Sinn für Fairness, Empörung über Ungerechtigkeit und Ungleichheit, der Sorge um die eigene Reputation und Gefühlen der Verpflichtung. Das kann in Gesellschaften zwar hilfreich sein, führt aber ganz offensichtlich nicht zu einem friedlichen Zusammenleben, wie ein Blick in die Welt und in die Geschichte überzeugend zeigt (später mehr dazu).

Wer ist «Wir» und wer gehört zu «Uns»?

Gedanken über Mit- und Ummenschen habe ich mir gemacht, weil ich einmal in der Woche mit dem Zug zur abendlichen Stosszeit von Fribourg nach Zürich fahre. In Fribourg ist alles noch in Ordnung. Ich schaue, wo und zu wem ich sitzen kann. Bern! Viele steigen aus, aber noch sehr viel mehr steigen ein. Zu mir setzt sich ein Mensch mit einem duftenden Döner, einer mit Kopfhörern der umgehend einen Apfel auspackt (ein Standard in Schweizer Zügen) und seine eigenen Essgeräusche nicht mehr hört. Chips sind auch beliebt. Den Dritten dürfen sie sich selber aussuchen. Ich fragte mich: Sind das meine Mitmenschen? Und alle Menschen, die auf dem Hauptbahnhof Zürich nach Hause oder auf einen Anschlusszug hetzen, womöglich in der mir entgegengesetzten Richtung. Mitmenschen? Im Tram Knoblauchatem im Nacken: Mitmensch? Nicht wirklich. So kam ich auf Ummenschen. Wer ist «Wir» und wer gehört zu «Uns» kommt aus einer etwas anderen Ecke.

19 In den letzten Jahren fiel mir auf, wie oft Autoren in ihren Büchern von «Wir» im Nominativ und «Uns» im Dativ schrieben. Vielleicht ist das nur ein subjektiver Eindruck; mir scheint das hat zugenommen. Als Beispiel kann ich die Bücher von Yuval N. Harari anführen. Die drei Bücher seiner «Trilogie» schafften es alle in die Bestsellerlisten: Eine kurze Geschichte der Menschheit (Pantheon, 2015), Homo Deus (C.H. Beck, 2018), 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert (C.H. Beck, 2018). Meist meint Harari damit nicht nur «Wir Menschen», sondern gleich die Menschheit, was nicht ganz dasselbe ist. Sie erinnern sich vielleicht an das geflügelte Wort: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Gesellschaft ist nicht einfach die Summe der Menschen, sie ist etwas anderes. Mehr heisst im Zusammenhang mit Gesellschaft aber nicht notwendigerweise besser. Gesellschaft kann ein unerbittliches System sein, das Menschen gar nicht mehr als Individuen braucht. Die Menschen sind ersetzbar.

Auch der Schweizer Physiker und Philosoph Eduard Kaeser (*1948) schreibt in seiner lesenswerten Essaysammlung Trojanische Pferde unserer Zeit – Kritische Essays zur Digitalisierung (Schwalbe, 2018) meist von «Wir» und «Uns»; oft, aber nicht immer. Er macht auch explizit in einem Essay darauf aufmerksam, dass Entscheidungen nicht einfach so für alle Menschen getroffen werden können. Unglücklicherweise habe ich vergessen, in welchem Essay er das ausführt. Ich habe das Buch gelesen und nicht für diesen Artikel oder späteren Gebrauch durchgearbeitet. Es könnte sich so oder so lohnen, das Buch zu lesen: Sie werden den entsprechenden Essay erkennen.

Wer gehört nun also alles konkret zu diesem obskuren «Wir»? Alle Ohnmächtigen und Mächtigen? Trump? Putin? Xi Jinping? Kim Jong Un? Ihre Schergen und Armeen? Nutzer, Besitzer, Aktionäre, CEOs von Facebook, Amazon, Google, Apple? Zu meinem «Wir» zähle ich die alle nicht. Sie haben zwar einigen Einfluss auf mein Leben, aber nein! Ich zähle sie nicht dazu. Wenn sie zum «Wir» zählten, müssten sie ja im Hinblick auf die Zukunft an einem Strick ziehen... HAHAHA! Tun sie ja vielleicht einmal, aber vermutlich nicht uneigennützig.

Kurz: Ich mag es nicht, wenn ich einfach zu einem «Wir» oder «Uns» gezählt werde. Ich mag es überhaupt nicht, ganz besonders wenn mir nicht ganz klar ist, was die «Wir» Gruppe ungefähr ist. Ein «Wir»-Erlebnis in einem gefüllten Stadium? An der Streetparade? Im Militär? Nicht mein Ding. Und so bemühe ich mich selbst «Wir» und «Uns» möglichst nicht zu benutzen.

Querweltein mit und um Menschen

Recht – aus aktuellem Anlass für den Jubilar zuerst

Recht, kodifiziert oder gar schriftlich festgehalten, ist eine sehr junge Erscheinung gemessen am Alter der menschlichen Evolution. Auf der 24 Stunden Uhr der Gattung Mensch erblickte es um 23:57 Uhr das Licht (oder Dunkel) der Welt, bezogen auf Homo sapiens immerhin schon eine halbe Stunde vor Mitternacht und bezogen auf die Sesshaftigkeit just zum Lunch. There is no such thing as a free lunch.

In einem denkwürdigen Artikel mit dem Titel The Worst Mistake in the History of the Human Race (Discover, Mai 1987: 64-66) stellte Jared Diamond in Frage, dass die Entwicklung der Landwirtschaft DER grosse Fortschritt in der Geschichte der Menschheit sei. Das schloss er aus Resultaten von anthropologischen und archäologischen Studien. Sie zeigten unter anderem: Gegen Ende der Eiszeit waren in den Regionen Griechenlands und der Türkei Jäger und Sammler grösser (F: 165 cm. M: 175cm) als Bauern vor 5’000 Jahren (F: 152. M: 160.), gesünder, und die Lebenserwartung bei der Geburt war 26 Jahre im Vergleich zu 19 Jahren für damalige Bauern.

Die neue sesshafte Lebensform ermöglichte trotzdem eine Zunahme der Bevölkerung, die zu stratifizierten Gesellschaften führte. Die Hauptformen des Zusammenlebens von Menschen sind in der Tabelle 2 mit einigen Merk- 20 malen vereinfacht zusammengestellt. (Die Tabelle sollte dabei nicht einfach als logischer oder gar notwendiger Fortschritt von links nach rechts gelesen werden.)

Gruppe

(Band)

Stamm/Sippe

(Tribe)

Stammes-Fürstentum

(Chiefdom)

Staat

(State)

Anzahl

26 (13–250)

hunderte

tausende

>50’000

Beziehungsbasis

Verwandtschaft

Clans, Basis Verwandtschaft

Klasse und Residenz

Klasse und Residenz

Entscheidungen, Führung

«egalitär»

«egalitär» oder Big Man

zentralisiert
erblich

zentralisiert

nicht erblich

Bürokratie

nein

nein

nein oder 1-2 Ebenen

viele Ebenen

Gewalt- und Informationsmonopol

nein

nein

ja

ja

Austausch

reziprok

reziprok

redistributiv

(Tribut)

redistributiv

(Steuern)

Landkontrolle

Gruppe

Stamm/Sippe

Fürst

unterschiedlich

Gesellschaftsschichten

nein

nein

ja

(Verwandtschaft)

ja

(nicht Verwandtschaft)

Konfliktlösung

informell

informell

zentralisiert

Gesetze, Richter

Tabelle 2: Formen des Zusammenlebens von Menschen. Nach Diamond (Guns, Germs and Steel – The Fates of Human Societies, Norton, 1997) und Marlowe (Evolutionary Anthropology 14: 54–67, 2005).

Heute gehört zwar ausser der Antarktis alles Land zu Staaten, aber innerhalb von Staaten können die anderen Formen immer noch in der einen oder anderen Ausprägung vorkommen. Als Beispiel wären isolierte Gruppen und Stämme wie die Yanomami (Venezuela, Brasilien) zu nennen, einige Gruppen auf den Andamanen (Indien) und andere, die First Nations (indigene Völker) in Kanada. Die Oberherrschaft reklamiert aber immer ein Staat für sich. Diamond hat dem entsprechenden Kapitel zur Entstehung sozialer Schichtung in seinem Buch Guns, Germs, and Steel (Norton, 1997) den Titel From Egalitarism to Kleptocracy gegeben–gefällt mir ausgezeichnet. Und ja, Juristen gehören natürlich zur Kleptokratie. Und ja, ich schreibe das mit einer diebischen Freude.

Einen sehr hohen Preis für den «grossen Fortschritt» zur Landwirtschaft und Sesshaftigkeit bezahlten Frauen mit einem substantiellen Statusverlust. Sie wurden in den bäuerlichen Gesellschaften zu Lieferanten von Arbeitskräften und später auch von Soldaten. Gründe dafür waren unter anderem, dass sie Kleinkinder nicht mehr alleine tragen mussten sondern zeitweise an einem festen Platz deponieren konnten, sie nicht jederzeit auf Verlangen stillen konnten, die Kleinkinder so schnell wie möglich entwöhnt wurden. Das verkürzt Geburtenintervalle substantiell. (Stillen alleine verhindert noch keine neue Schwangerschaft, sondern nur wenn entsprechend kurze Intervalle eingehalten werden.) Frauen haben einen besseren Status in Jäger und Sammlergruppen. In solchen Gruppen wird aber die Anzahl der Gruppenmitglieder möglichst konstant gehalten. Überzählige Babies werden gegebenenfalls umgebracht, alters- 21 schwache Mitglieder bei Ortswechseln zurückgelassen, wenn sie der Gruppe nicht mehr folgen können, oder auch erschlagen. Kein Grund für Sentimentalitäten.

Zurück zum Recht. Der emeritierte Rechtsprofessor Uwe Wesel (*1933; Römisches Recht, Bürgerliches Recht und Zivilprozessrecht) beginnt sein Buch Geschichte des Rechts (C.H. Beck, 2014 4. Aufl.) mit einer Beschreibung, wie Ordnung in ursprünglich organisierten segmentären Gesellschaften aufrechterhalten wird. Nicht konformes, sozusagen delinquentes, Verhalten wird gemeinsam solange beackert bis ein Konsens erreicht ist und die beteiligten Personen wieder in der Gemeinschaft miteinander leben können. Klappt das nicht, wird nicht selten zur Selbsthilfe gegriffen. Recht scheint mir beides weitgehend zu verhindern, im Fall der Selbsthilfe glücklicherweise. (Richtig! Ich bin juristischer Laie und habe stark vereinfacht.)

Als ich wieder einmal etwas Schwierigkeiten mit Projekten in Madagaskar hatte, half mir Christian mit einer Mitarbeit beim Projekt kon§ens aus der Patsche. Es ging um ein Pilotprojekt, bei dem Mediationen zwischen Beschuldigten und Geschädigten bei minderschweren Delikten für eine einvernehmliche Beilegung von Konflikten eingesetzt wurden. Veio Zanolini, damals Assisstent und Doktorand bei Christian, bearbeitete und betreute das Projekt hauptsächlich inhaltlich, ich entwickelte eine einfache Datenbank und machte statistische Auswertungen. Über Mediation wusste ich nicht viel; der Ansatz leuchtete mir ein und ich fand und finde es eine gute Sache. Von den äusserst positiven Resultaten war ich dennoch völlig verblüfft. Aber es ging nicht primär um Resultate, eher um Entlastung der Justiz und Kosten. Wenn ich mich richtig erinnere wurde im Kanton Zürich ein Mediationsartikel eingeführt, auf nationaler Ebene nicht. Jahre später machte ich aus beruflichen Gründen ein CAS (Certificate of Advanced Studies) in Mediation an der Universität Fribourg. Immer noch erstaunte mich die Erfolgsquote von Mediationen und die Frage, warum Mediation so erfolgreich ist. Da ich zufällig zu jener Zeit das Buch Schnelles Denken, Langsames Denken von Daniel Kahnemann las (Siedler, 2012), der einzige Psychologe, der den Wirtschaftsnobelpreis (2002) erhalten hat und zum Entscheidungsverhalten, kognitiven Heuristiken und Verzerrungen forschte. Es bot sich an, den Mediationsprozess darauf hin anzuschauen, ob allenfalls solche Heuristiken im Vorgehen automatisch berücksichtigt werden und das Mediationen hilft. Ja, einige werden automatisch berücksichtigt und helfen. Der Zufall wollte es, dass ich gleichzeitig über ein mögliches neues Projekt nachdachte und Marcel Niggli fragte, ob es etwas über Recht in ursprünglichen Gesellschaften gebe. «Schau einmal bei Uwe Wesel.» Siehe da: Konflikte werden entweder durch Konsens beigelegt oder es kommt zur Selbsthilfe, wie ich schon erwähnt habe. Und da vermute ich den Hauptgrund für den Erfolg von Mediationen. Die Natürliche Natur der Menschen unterstützt sie.

Ich las aus Interesse (fast) das ganze Buch und auch noch andere von Uwe Wesel. Als Laie hatte ich schon länger den Eindruck, dass ich mit manchen Juristen nicht wirklich viel besprechen konnte, geschweige denn ihre Texte oder auch Gesetzesbücher verstand. Deshalb hatte ich viel Freude bei Uwe Wesel, ein deutscher Rechtsprofessor nota bene, in seiner Juristischen Weltkunde (Suhrkamp, 2016 15. Aufl.) zu lesen:

Die Sprache des Juristen ist ungenau,

Die Sprache des Juristen ist unverständlich,

Die Sprache des Juristen ist ideologisch.

Das lasse ich am besten so stehen und wirken und wende mich einem anderen Thema zu, das eng mit Recht verbunden ist: Demokratie.

Demokratie ist zum Beispiel, wenn gemäss Umfragen die Mehrheit der US-Amerikaner weder Hillary Clinton noch Donald Trump als Präsidenten wollen, und Donald Trump mit weniger Stimmen US-Präsident wird. Und wie sahen es die Prognostiker? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete am 10. November 22 2016, dass von 96 Prognosen nur 11 Trump als Sieger voraussagten. Die Prognostiker lagen damit statistisch hochsignifikant daneben und hätten besser eine Münze geworfen. Nun, sowas kann vorkommen, denn statistische Signifikanz, wie niedrig der geliebte p-Wert auch immer ist, ist nicht mit Sicherheit gleichzusetzen.

Einige teilweise spekulative Gedanken zur gegenwärtigen deutschen Koalitionsregierung aus CDU/CSU und SPD, die weitverbreitet als GroKo, Grosse Koalition, bezeichnet wird – ein Gedankenspiel. Nach langem Hin und Her wurde am 28. März 2018 die neue – die vierte – Regierung von Kanzlerin Angela Merkel vorgestellt. In den Bundestagswahlen vom 24. September 2017 hatten die Unionsparteien 33.0 % und die SPD 20.5 %, zusammen also 53.5 % der Stimmen erhalten (GroKo 2013: 67.2 %). Die Stimmbürger wählten Parteien, nicht explizit eine Koalition. Es könnte also sein, dass die Stimmbürger ihre Stimme den jeweiligen Parteien nicht gegeben hätten, weil sie sich, aus welchen Gründen auch immer, keine GroKo wünschten. Die SPD machte unter ihren rund 464’000 Mitgliedern eine Abstimmung über den Koalitionsvertrag. Es gingen 363’000 gültige Stimmen ein, wovon 240’000 den Koalitionsvertrag befürworteten: 66.0 % der gültigen Stimmen, 51.7 % aller SPD Mitglieder. Und jetzt wird es spekulativ. Sollten die gewählten 153 SPD Abgeordneten ein repräsentatives Abbild der SPD Mitglieder sein, hätte die SPD bezogen auf die 66.0 % 101 Abgeordnete, die für die erneute GroKo wären, bezogen auf die 51.7 % 79 Abgeordnete. Halten wir die Zahl der Unionsabgeordneten konstant hätte die GroKo insgesamt 347 (49 %) beziehungsweise 325 (46 %) von 709 Abgeordneten. Ich hege also deutliche Zweifel, dass die GroKo die Mehrheit der (stimmberechtigten) Bevölkerung in der repräsentativen Demokratie Deutschlands vertritt. Spekulation und Zahlenspielerei? Gewiss.

Auch über die direkte Demokratie in der Schweiz kann man sich ab und an einige Gedanken machen, auch wenn sie nicht neu sind. Die Bundesversammlung repräsentiert die Stände und die (stimmberechtigte) Bevölkerung. Die zwei Ständeräte des Kantons Zürich vertreten je 454’425 Stimmbürger (2015), der Ständerat des Kantons Appenzell Innerrhoden 11’565. Im Ständerat wiegt also die Stimme Zürcher Stimmbürger fast 40 Mal weniger. Nur dass das wieder einmal gesagt ist. Für mich selbst macht es kaum einen Unterschied, da ich bei den meisten Abstimmungen ohnehin zur Minderheit gehöre, nicht nur wegen des Ständemehrs. Spiele ich gerne ein Spiel bei dem ich ständig verliere?

Wenn es um Demokratie geht, gehören vielleicht auch ein paar Worte zur EU dazu, zu ihrem bekannten Demokratiedefizit. Keine Frage, dieses Defizit existiert. Ich möchte dazu einen Hinweis auf eine Radiosendung des SRF geben. Der Titel spricht für sich: EU – Wie Richter die Politik steuern. (Wenn man den Titel bei Google eingibt kommt sofort der Link zur Sendung.) Sehr kurz zusammengefasst: Die Richter haben in den frühen 1960er Jahren die Politiker ausgetrickst – absichtlich oder unabsichtlich. Wer genauer wissen möchte, wie die EU zu dem wurde was sie ist, kann mit Gewinn das Buch Vom Kontinent zur Union des Historikers und politischen Philosophen Luuk van Middelaar (Suhrkamp, 2016) lesen. Noch mehr beeindruckt mich wieviel meine Stimme bei der Europawahl zählen würde: 0.00000024 % also 0.24 Mikroprozent. (Ein durchschnittliches menschliches Haar ist etwa 40–80 Mikrometer dick.) Ummenschen wählen Ummenschen, die über Ummenschen bestimmen. Mit solchen Zahlen ist kein Staat zu machen. Wie tönt: «Jede Stimme zählt!» im Vergleich zu «Jede Stimme zählt 0.00000024 %»?

Evolution

Das Mass aller Dinge in der besten aller möglichen Welten! «Der Wurm ist das Mass aller Dinge!» Zu diesem Resultat seiner Überlegungen kommt ein Bandwurm, der in seinem wohlig warmen Verdauungsbrei vor sich hin sinniert. Aber er war nicht der erste: «Der Saurier ist das Mass aller Dinge!» Zu diesem Resultat kam ein Titanosaurus während er gemächlich Tonnen von Farnen und anderen 23 Pflanzen verschlang. BUMM! In der Gegend der heutigen Halbinsel Yucatan schlägt ein grosser Meteorit ein: Titanosaurier? Ausgestorben. Die Bandwürmer in den Verdauungstrakten warmblütiger Tiere inklusive Menschen erfreuen sich dafür einer erstaunlich grossen Verbreitung und dürfen sich weiterhin in der besten aller möglichen Welten fühlen; besonders weil ihre Wirtshäuser nicht mehr so weit auseinander liegen: Menschen und Nutztiere. Sehr viele Krankheiten von Menschen haben ihren Ursprung im engen Zusammenleben von Menschen mit ihren Nutztieren. Sie kennen einige Namen, wie zum Beispiel Schweinegrippe oder Vogelgrippe. Die Krankheitserreger sind so innovativ, dass einige von ihnen neue Chancen packen. HIV-Viren und Ebolaviren stammen zwar nicht von Haustieren, nutzen aber die Möglichkeiten, die ihnen grössere Menschenansammlungen und die menschliche Mobilität bieten.

Es gibt immer noch viele Missverständnisse, was die Evolution – hier spreche ich von der biologischen Evolution – angeht. Evolution ist ein Prozess, und zwar ein amoralischer Prozess. Die Evolution kennt kein Gut und Böse, sie ist moralfrei. Moral ist kein Begriff der Evolution, Moral ist eine Erfindung der Menschen. Die Evolution ist so amoralisch, dass es ihr selbst egal ist, ob sie stattfindet oder nicht: Der Prozess findet statt. Und wenn er nicht mehr stattfindet, dann eben nicht mehr. Wen kümmert es? Offenbar die Menschen.

Die Krone der Schöpfung, der Mensch, das Untier. Christian hat mich einst auf die Schriften des Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860) hingewiesen, nicht eben für seinen Optimismus oder Positivismus berühmt. Ich fing an zu lesen, legte das Buch aber bald wieder weg. Nicht etwa, weil ich mit seinen Gedankengängen nicht einverstanden gewesen wäre oder sie als unwichtig erachtete, sondern weil er Dinge schrieb, die ich als rassistisch einstufte. Ich konnte damals noch nicht etwas aus der Zeit heraus versuchen zu verstehen. Heute lese ich wieder Schopenhauer.

Das Untier ist der Titel eines Buches von Ulrich Horstmann (*1949) aus dem Jahre 1983 (Verlag Johannes G. Hoof, 2016 6. Aufl.). Der Untertitel Konturen einer Philosophie der Menschenflucht deutet bereits Richtung Schopenhauer, der zu Horstmanns Vorbildern gehörte. Horstmann selbst hat in seinem Buch vorgeschlagen, zur Befreiung der Menschen von Leid, Schmerzen und Qual sollten sie sich am besten selbst auslöschen und es doch mit dem damals unglaublich grossen Atomwaffenarsenal versuchen. Und idealerweise doch gleich alles Leben auslöschen. Für jüngere Leser: Damals lag das Buch extrem quer zum Zeitgeist, der unter vielen, besonders jüngeren Menschen herrschte. 1983 zogen die Grünen zum ersten Mal in den Bundestag ein, Demonstrationen für den Frieden überall, Ökologie und und und. (Am 5. Dezember 1982 war auch ich mit rund 35’000 anderen an der Friedensdemonstration auf dem Bundesplatz in Bern. Das Gedränge war entsetzlich, besonders in der unterirdischen Berner Bahnhofspassage. Satt friedlicher Gefühle hegte ich Aggressionen. Keinerlei «Wir»-Gefühl.)

Aber die Bezeichnung Untier für die Menschen gefällt mir ausgezeichnet. Keine Frage, zoologisch gehört der Mensch zu den Tieren. Er unterscheidet sich so enorm von allen anderen Tieren, dass er eben als Untier betrachtet werden kann. Der negative Klang der Vorsilbe un- scheint bei einem Blick in die Welt auch nicht völlig deplatziert. Die Alleinstellung macht ihn jedoch nicht zum Mass aller Dinge oder der Krone der Schöpfung. Horstmann wundert sich denn auch darüber, wie Leibniz (1646-1716), geboren zwei Jahre vor dem Westfälischen Frieden, der den Dreissigjährigen Krieg beendete, von der besten aller möglichen Welten sprechen konnte. Europa war weitherum verwüstet, Kriegsversehrte müsste Leibniz noch gesehen haben. Es lag an der Logik: Wenn Gott allmächtig ist, kann es nur die beste aller möglichen Welten sein. Voltaire (1694-1778) hat sich später mit seinem Candide, 1759 unter Pseudonym veröffentlicht, genüsslich über die beste aller möglichen Welten lustig gemacht.

24 Was das alles mit Evolution zu tun hat? Evolution hat kein Ziel, schon gar kein Ziel, das in der Zukunft liegt. Um es mit Voltaires Worten auszudrücken: «Menschen haben keine Nase, damit irgendwann eine Brille draufpasst.» Evolution schafft keine Perfektion: so gut wie nötig reicht. Ein biologisches Gleichgewicht gibt es höchstens für kurze Zeit und oberflächlich betrachtet. Evolution braucht auch keinen Gott. Allerdings gebe ich zu, dass (noch) nicht völlig klar ist, wie das Leben entstanden ist und es ist auch nicht klar, wie so etwas wie Geist entstanden ist. Blumen gefallen mir, viele Tiere auch, aber sie sind keinesfalls evolviert, um den Menschen zu gefallen. Eine Binsenwahrheit? Sollte es sein, es täte der Schönheit von Blumen meiner Meinung nach keinen Abbruch.

Die Drei Naturen des Menschen

Sie erinnern sich vielleicht an die Zusammenstellung in Tabelle 1. Die drei Naturen sind durch Linien abgegrenzt. Keine roten Linien, sie könnten aber rot sein, denn wie im echten Leben gibt es bei Bedarf eine gewisse Durchlässigkeit.

Einen geringen oder eher langsamen Fluss gibt es zwischen der Natürlichen und der Kulturellen Natur. Aber es gibt ihn und es gibt auch Belege dafür: In segmentären Gesellschaften deren Wirtschaftsform zu einem wichtigen Teil auf Milchwirtschaft basiert, können auch Erwachsene Milch verdauen, sonst kann das bei Säugetieren nur der Nachwuchs bis zu einem gewissen Alter. Genetiker haben gezeigt, dass sich diese Fähigkeit in Europa durch Selektion durchgesetzt hat: Menschen mit dieser Fähigkeit hatten mehr Nachkommen. Kultur wurde ins Genom geschrieben.

Die Kulturelle Natur kann sich schneller ändern, ist aber nach gegenwärtigen Massstäben immer noch langsam. Multikultigesellschaften mit ihren Integrationsproblemen zeigen das. Wurde die Vernunftnatur und ihre Bedeutung und Einfluss auf die kulturelle Natur überschätzt?

Grundsätzlich könnten einige Merkmale der Natürlichen Natur auch hilfreich für das Zusammenleben in grösseren Gesellschaften sein, aber eben auch eine Gefahr für die Eliten. Die Natürliche Natur hat sich in kleinen Gemeinschaften entwickelt und nicht im Hinblick darauf, in grossen Gesellschaften zu leben.

Ist Fairness ein Begriff des Rechts? Ich weiss es nicht. Ist Empörung über Ungerechtigkeit und Ungleichheit in stratifizierten Gesellschaften den Mächtigen willkommen? Es kann zu Aufständen, Revolutionen, Rebellionen kommen. Wozu die Furcht vor Fremden führen kann, ist allgemein bekannt: Nationalismus und in der Folge auch Krieg. Gefühle der Verpflichtung können über kleine Gemeinschaften hinaus gefördert werden. Und sie wurden und werden es auch, zum Beispiel nochmals Nationalismus. «Wir» und die Anderen, die Fremden. Wer schlägt zuerst zu?

Nein, ich sehe die Welt und die Menschen in grossen Gesellschaften nicht so simpel, wie ich sie hier mit Hilfe der drei Naturen schildere – wirklich nicht. Trotzdem ist es hilfreich, sich einige Spannungsverhältnisse vor Augen zu führen. Die drei Naturen könnten als Schichtmodell angesehen werden, dann würde ich heute die Natürliche Natur als schweren dichten Kern ansehen, die Kulturelle Natur als leidlich dicke weitere Schicht, die Vernunftnatur als Vergoldung, allerdings nur aus Blattgold. So bin ich aber nicht aufgewachsen und ausgebildet worden. Kultur und Vernunft bildeten den schweren Kern und Natur war mehr oder weniger die mechanisch-physiologische Maschinerie, die dafür benötigt wurde. Die Aufklärung, auch als Zeitalter der Vernunft bekannt, hat dazu ganz wesentlich beigetragen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die kulturellen Errungenschaften der Aufklärung, die Grundlagen dafür geschaffen haben, genau diese Vernunft heutzutage immer mehr zu entzaubern. Neurowissenschafter und Psychologen zeigen immer klarer, wie klein der Einfluss der Vernunft im menschlichen Leben tatsächlich ist.

25 Kultur und (vermeintliche) Vernunft erlauben es heute direkt in die Natur des Menschen einzugreifen und sie zum Besseren zu korrigieren, wie manche glauben. Dies geschieht in einem horrenden Tempo. Mir scheint in einem Tempo, dass Kultur und Vernunft selbst nicht mehr mitkommen.

Präzisierungen statt Missverständnissen – und Sie haben es geschafft

Nein, ich bin kein Pessimist. Nein, ich bin kein Misanthrop – jedenfalls nicht a priori. Ich mag Menschen, aber deshalb muss ich nicht die Menschheit mögen. Nein, ich bin kein Antidemokrat. Ja, ich denke ich war optimistischer als Christian als wir die Matura machten und dass es heute umgekehrt ist. Nein, ich mache mir keine grossen Sorgen, ob der Planet Erde und das Leben zerstört werden. Gegenwärtig schaffen das noch nicht einmal die Menschen. Die Frage ist: Sind die Menschen noch lange dabei oder nicht? Nein, ich mache mir keine grossen Sorgen, ob die Menschen aussterben werden, jedenfalls die heutige Form des Homo sapiens. Mit meinem beruflichen Hintergrund ist das eine ausgemachte Sache. Ja, ich fürchte mich davor, wie das abläuft. Ja, ich denke Homo sapiens ist schon am Aussterben und arbeitet wacker daran. Ja, ich denke Homo sapiens ist die erste Lebensform, die ihre eigene Evolution aktiv selbst zu steuern versucht und Yuval Hararis Homo Deus spielt – wenigstens einige von ihnen. Und ja, manche glauben in ihrer Hybris es auch tatsächlich zu können. Ja, ich vertraue grundsätzlich Menschen lieber, als Maschinen und Technik. In einem Flugzeug ohne Piloten oder einem Zug ohne Lokomotivführer wäre mir unwohl. Nein, ich möchte nicht, dass ein Auto einen «ethischen» Entscheid fällt und statt eines Ummenschen meine geliebte Hauskatze überfährt. Der Ummensch hätte ein Pol Pot sein können. Und wer soll sich bei mir für meine überfahrene Hauskatze entschuldigen? Ja, ich höre jetzt endlich auf.

(Nicht wahr, kaum zu glauben, dass ich auf einem Griechenland-Urlaub mit Christian den Übernamen «Quiet Man» bekam! Christian mochte das und erwähnt es bei Gelegenheit auch.)

Laudatio

Lieber Christian, die Laudatio wird kurz, ist deshalb aber nicht weniger herzlich gemeint. Du bist mein Mitmensch und ein bedeutender. Und das bleibst Du. Wenn Dir in diesem Beitrag etwas gefallen hat, freut es mich, und wenn Dir anderes missfallen hat, dann ist das eben so. Ich habe den Beitrag zwar nicht ganz so gedankenlos geschrieben, wie ich einst Deine makellosen Radiergummis aufgespiesst habe. Schlimmer als das sollte es nicht sein. Alles Gute zum Jubiläum und meine allerbesten Wünsche für die Zukunft!

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Umwelt – Mitwelt – Mitmenschen – Ummenschen
von Urs Thalmann
Contralegem 2, 2019 - Thalmann.pdf
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Redaktion

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